Alfred Kantorowicz - Der streitbare Literat, Exilant, Spanienkämpfer, Kommunist, Professor für Neuere Deutsche Literatur, DDR-Bürger und Asylant in Westdeutschland scheint heute nur noch in der Welt weniger Liebhaber bekannt zu sein. Marko Martin schreibt über ihn in "Die Welt": "Sein Geburtstag, der sich unlängst zum 100. Mal jährte [1999 A. d. V.], ließ die Feuilletons der Republik, sofern sie überhaupt daran erinnerten, seltsam ratlos."
Ratlosigkeit herrscht auch bei den Buchverlagen. Über den Buchhandel sind lediglich noch seine Tagebücher aus dem französischen Exil der Jahre 1935-1939 lieferbar. Das unter dem Titel "Nachtbücher" erschienene Werk wurde 1995 posthum von Ursula Büttner und Angelika Voß herausgegeben. Keines seiner zu Lebzeiten aufgelegten Bücher ist also heute noch im Handel erhältlich. Dies klingt wie eine Ironie des Schicksals, besonders wenn es sich bei diesem Menschen um einen Autoren handelt, der sein ganzes Leben gegen das Vergessen seiner Weggefährten und exilierten Kollegen gekämpft hat. Mit dieser Website soll der bescheidene Versuch gestartet werden, nun gegen sein Vergessen anzugehen.
Auf dem kalten Bahnsteig des S-Bahnhofes Langenfeld erlaubt mit Ralph Giordano seine Reden über Alfred Kantorowicz auf meiner Website zu veröffentlichen. Selbstverständlich möchte ich keine Zeit verlieren und eröffne daher die neue Rubrik "Giordano über Kantorowicz". Von hier aus noch einmal vielen Dank an Ralph Giordano, besonders auch für sein nachstehendes Grußwort.
„Ein erschütterndes Zeugnis“ Grußwort von Ralph Giordano |
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„Ich freue mich, daß ein Angehöriger der jüngeren Generation deutscher Nachgewachsener sich für diesen Mann interessiert, und sage Markus Berg dafür meinen persönlichen Dank. Ich kannte Alfred Kantorowicz seit meinem 23 Lebensjahr aus seinen Schriften, besonders dem bezeichnenderweise auf Anweisung Walter Ulbrichts bald eingestellten, Weltgeist einbegreifenden Periodikum „Ost und West“. Der Bruch des Altkommunisten mit der SED im August 1957 war gleichzeitig auch das endgültige Ende meiner seit 1946 bestehenden Mitgliedschaft zur Kommunistischen Partei Deutschlands, Landesorganisation Hamburg.
Seit 1959 persönlich mit ihm bekannt, währte unsere Freundschaft bis zu seinem Tod 1979, nachdem Alfred Kantorowicz, sein Domizil aus einem feindlichen München mit Hamburg getauscht hatte, wo ihm und seiner Frau Ingrid Verständnis und Wärme entgegengebracht wurden.
Das Leben von Alfred Kantorowicz gibt ein erschütterndes Zeugnis ab von den politischen Gewalten – Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus -, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Menschheit aufs schwerste bedrohten, und deren Erbe bis in unsere Tage spürbar ist und auch lange noch bleiben wird.“
18. Oktober 2004
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